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Eine Viertelstunde vor Mitternacht

Eine Viertelstunde vor Mitternacht kam Unruhe auf im Saal.

Die Kellner hasteten mit Champagnerkübeln durch den Trubel, denn an allen Tischen war gleichzeitig die Panik ausgebrochen, man könnte vom Neuen Jahr mit leeren Gläsern überrascht werden.

Eine Minute vor Mitternacht verstummte die Musik abrupt. Der Bandleader ging ans Mikrophon: “Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren, Mesdames, Messieurs, Signore, Signori!”

Der Mann am Synthesizer spielte das “Ding-dang-dong-dung, dung-deng-ding-dang” vom Big Ben.

Und dann, mit der Unterstützung des ganzen Orchesters, die zwölf Schläge bis Mitternacht.

Der ganze Saal zählte laut mit. An Trimbachs Tisch erhob man sich und griff zu den Gläsern. Georges Keller goss Mineralwasser in sein Champagnerglas.

“Zehn! Elf!”

Der Saal holte tief Luft.

“Zwölf!”

Der große Speisesaal des Grand Hotel erzitterte von einem einzigen Schrei aus Hunderten von Kehlen. Kreischend fielen sich die Gäste in die Arme, stießen an und küssten sich.

Trimbach angelte sich Theresia und gab ihr einen mehr als freundschaftlichen Kuss. Senta Stauber nutzte die Verwirrung und schnappte sich ein volles Weinglas vom Tisch.

Tischbomben knallten, Papiertrompetchen quietschten, Papierschlangen raschelten durch die Luft. Auf die hartnäckig an den Kleidern haftenden Papierfrüchtchen hatte die Direktion schon seit mehreren Jahren aus Rücksicht auf die Garderoben der Damen verzichtet.

Der ganze Saal war auf den Beinen. Nur zwei Menschen waren sitzen geblieben. Caroline Markwalder und Joe Vigliotti. Markwalders Kinder kamen von ihrem Tisch herüber, küssten ihre Eltern und Großeltern, gaben den anderen Gästen artig die Hand und verabschiedeten sich für den Rest der Nacht in die Disco.

Und wo man schon einmal dabei war, begannen sich jetzt auch die Unbekannten und flüchtig Bekannten der Nebentische zu beglückwünschen.

Das war Joe Vigliottis Stunde. Er stand auf, nahm sein Glas, ging schnurstracks auf Theresia zu, die sich vor Trimbach zu Georges Keller gerettet hatte, und stieß mit ihr an.

“Happy New Year”, sagte er mit seiner tiefsten Stimme. Und nachdem er sie mitten auf den Mund geküsst hatte, drehte er sich auf dem Absatz um und verschwand in der Menge.

“Kennen Sie den Herrn?”, fragte Georges Keller.

“Ich glaube nicht”, antwortete Theresia etwas verwirrt.

Die Stimmung im Saal hatte jetzt ihren Höhepunkt überschritten und drohte, der Ernüchterung zu weichen, die eintritt, wenn sich die Menschen fragen, warum sie sich denn so schrecklich freuen über das, was vorbei, und das, was noch nicht eingetroffen ist. In diesem, für jeden Bandleader kritischsten Moment einer Silvesternacht, trafen sich die Blicke von Jack und Hanni Trimbach, und sie bemerkten, dass sie es versäumt hatten, miteinander anzustoßen. Jetzt, vor den Augen aller Ernüchterten, war es zu spät. So hob Hanni nur ihr Glas und prostete Trimbach mit einem Schluck zu. Trimbach, mit einer Krause aus Papierblumen um den Hals und einem weinroten Karton-Fez auf dem Kopf, erwiderte die Geste. Dann tutete er in etwas, das sich mit einem kläglichen Ton halb auf- und sofort wieder einrollte.

Der Bandleader riss den Saal aus seinem Anflug von Resignation. Er ließ die Lichter löschen und spielte “Midnight Special” von Glenn Miller. Aus Ecken und Nischen gleißten Laserstrahlen und überzogen Wände und Decken mit einem verwirrenden Muster zuckender, ständig sich verändernder Graffiti. Dankbar für die Ablenkung gaben sich die Gäste dem Lichtzauber hin.

Caroline Markwalder, die seit Mitternacht apathisch am Tisch gesessen hatte, starrte in die Lightshow. Plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei aus, knallte mit dem Kopf auf die Tischplatte, krallte sich ins Tischtuch und stürzte unter dem klirrenden Getöse eines beachtlichen Teiles der Festtafel vom Stuhl.

“Capaun! Wo ist Capaun?”, rief Markwalder. Hanni Trimbach und Marianne Stauber kümmerten sich um die dicke Caroline, die zwischen einem Berg von Geschirr in einem epileptischen Anfall zuckte. Capaun wurde von der Tanzfläche geholt, auf die er sich mit seiner dritten Frau begeben hatte, als die ersten Klänge von “Midnight Special” erklangen. Glenn Miller erinnerte ihn an seine erste.

Eine halbe Stunde später verabschiedeten sich Markwalders mit ihrer einigermaßen wiederhergestellten Tochter. Hanni Trimbach nutzte die Gelegenheit, sich ebenfalls zurückzuziehen. Sie hatten ihre Appartements in der gleichen Gegend, und Hanni nahm die Dienste des Hotelchauffeurs gerne in Anspruch. Taxis waren jetzt schwer zu kriegen.

Als Markwalders und Hanni Trimbach den Hotel Rolls Royce bestiegen, zischte und heulte immer noch das Feuerwerk in den gleichgültigen Winterhimmel.

Die Straßen waren jetzt voller Menschen. Sie trugen dicke Mäntel und alberne Papierhütchen und lachten, als wenn ab sofort alles gut würde.

Vor dem Eingang des Grand Hotels drängten sich die Leute, denen die 150 Franken Nachmitternachts-Eintritt ins Grand Hotel zu teuer waren. Sie warteten in der klirrenden Kälte auf Gäste, die das Hotel verließen und ihnen für wenig oder gar nichts ihre Contre-Marke überließen.

Die Kirchturmuhr schlug die erste Stunde des neuen Jahres.