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Neun Briefe aus Sri Lanka

In den letzten Tagen des Jahres 1979 und den ersten von 1980 reiste Martin Suter im Auftrag von Geo nach Sri Lanka. Jeden Tag schrieb er auf seiner Hermes Baby einen Brief an den legendären Chefredakteur, Rolf Winter.

1. Brief

Galle Face Hotel, Colombo, den 30.12.79

Lieber Rolf Winter,

Im Flugzeug sass ein junges Pärchen aus der Schweiz mit Schwiegermutter. Sie hatte als Handgepäck eine leere Baby-Tragtasche dabei.

Die unbekümmerte, hellblonde Hostess: “Geht Ihr eines adoptieren?”

Er (peinlich berührt und fast unhörbar): “Ja. “

Die unbekümmerte, hellblonde Hostess: “Ach, wie herzig, wie alt ist es?”

Er (mit einem Anflug von Vaterstolz und darum etwas lauter): “Zwei Monate.” Kramt den Geldbeutel hervor und zeig ihr ein Foto.

Die unbekümmerte, hellblonde Hostess: “Nein, wie herzig, ach, wie herzig.”

Unter den Zeitungsausschnitten, die mir die zentrale Textdokumentation mitgegeben hatte, befindet sich eine Meldung aus der Süddeutschen Zeitung von 1976: Handel mit ceylonesischen Babys, Sie besagt, dass ein­ beimische Babyhändler Babys für 20 Mark kaufen, sie für 800 Mark an Adoptionsagenturen weiterverkaufen, die diese dann wiederum mit Gewinn an europäische Adoptiveltern weitervermitteln.

Selbst wenn an dieser Geschichte etwas dran wäre, wäre es die falsche Geschichte über Sri Lanka. Ich weiss, dass Sie nicht erwarten, dass ich mich jetzt unabschüttelbar an diese Story hänge.

Nach dem Film, in welchem David Carradine, dieser unzuverlässige Halodri, ein unglaublich unsportliches Motorradrennen quer durch USA schliesslich doch noch gewann, frischte ich meine Kenntnisse über Sri Lanka auf: Insel, der Südspitze Indiens vorgelagert. Seit 500 v. Chr. besiedelt. 1505 bis 1658 Portugiesische Kolonie. Dann Holländische bis 1796. Dann Englische bis 1948. 14 Millionen Einwohner, in der grossen Mehrheit Singhalesen,

in der Minderheit Tamilen. Hauptexportgüter sind Tee und Kautschuk. Regierungschef ist Junius Jayawardene, dessen United National Party der Sri Lanka Freedom Party unter Sirimavo Bandaranaike (, die 1960 die erste Regierungschefin der Welt war) eine Wahlkanterniederlage verpasste. 1977 wurde er Premierminister, 1978 führte er ein Präsidialsystem ein, das den Präsidenten zum starken, praktisch nicht abwählbaren Mann im Staat machte, und wurde Präsident.

Seine Regierungspolitik ist sehr westlich orientiert.

Er hat die Handels- und Devisenrestriktionen seiner Vorgängerin aufgehoben und die Rechte der Arbeitnehmer wieder eingeschränkt. Bandaranaike warf man vor, dass sie einen Sozialstaat geschaffen hatte, der das viele Geld, das er ausgab, nicht einnehmen mochte.

Die Themen der Pressemeldungen und Artikel in meiner Dokumentation sind: Tourismus (Tempel, Tee und tausend Träume), Soziales (Ein Paradies für Ratten), Wirtschaftliches (Sri Lanka will Boden gutmachen) und der Konflikt zwischen Singhalesen und Tamilen. Es sind die Themen, denen auch ich nachgehen werde. Diesen Themen und den Bildern von Bruno Barbey.

Meine ersten Eindrücke: Wieder dieser rotblaue Streifen zwischen keinem Himmel und keiner Erde, wenn man im Flugzeug aus keinem Schlaf geweckt wird zu einer Zeit, für die man kein Gefühl mehr hat.

Der Anflug über Lagunen und Palmenstrände, die man schon so oft auf Bildern gesehen hat, dass man vergessen hat, dass es sie wirklich gibt.

Die feuchten 28 Grad Celsius, auf die man an der Gangway prallt, die einen zuerst absondern wollen, wie einen fremden Organismus und auf dem Weg über den Tarmac zögernd und widerstrebend aufzunehmen beginnen.

Die halb gemächliche, halb chaotische Taxifahrt in die Stadt. Durch die Palmen, die man eben erst noch nicht glauben wollte.

Und der Geruch, der alles ausmacht: Süssliches, nicht Moderndes; Blühendes und Verblühtes gebunden durch Kokosschalen-Rauch. 

Ein wohlbekannter fremder Geruch, der einem nach zwei Tagen nicht mehr auffällt, und an den man sich erst erinnert, wenn man wiederkehrt.

Das Hotel, in dem ich reserviert hatte, hatte kein Zimmer frei. Ich wohne jetzt im Galle Face, dem alten Kolonialpalast, der sich rühmt, älter als das Raffles in Singapore zu sein, 116 Jahre alt. Das Hotel wird gerade renoviert. Deshalb wurden die Zimmerpreise einfach ungefähr verdoppelt.

In der weiten Hall und beim Barbecue mit Tafelmusik und Brandung fühlte ich mich ein wenig geniert. Auch die Früchteschale im grossen und doch muffigen Zimmer brachte mich etwas in Verlegenheit. Aber der Zustand des Badezimmers glich das alles wieder etwas aus. Und auch die Eidechse auf dem Nachttisch gerade eben: Jetzt fühle ich mich wohl.

Vom Hotel bis zum Intercontinental, das gebaut wurde, als Sie das letzte Mal in Sri Lanka, das damals noch Ceylon hiess, waren, erstreckt sich eine Wiese etwa zwei Kilometer dem Meer entlang. Heute Abend war sie voller Lichtlein von kleinen, verstreuten Marktständen. Ich ging auf ihr spazieren. Junge Männer bauten eine Tribüne.

Morgen soll ein Neujahrsfest sein. Am andern Ende der Wiese war ein Jahrmarkt mit einem handbetriebenen Riesenrad, mit Ständen und Tanzdarbietungen und vielen Menschen.

(Hello, Sir. What is your Country, Sir? Welcome, Sir.) Auf dem Rückweg begleitete mich ein Junge. Er trug einen Korb mit Nüssen und einem kleinen bemalten Elefanten. Er sei ein Business Boy, sagte er und bekräftigte das mit zwei Hundertrupien-Scheinen. An einer Stelle auf der Wiese, die sich in meinen Augen durch nichts von irgendeiner

andern Stelle unterschied, machte er halt. Er könne jetzt nicht mehr weiter kommen. Auf der anderen Seite passe ihm einer ab, den er einmal bei der Polizei verpfiffen habe. Und er zeigte mir, wo der ihm ein Messer wolle, unter den Rippenbogen, offenbar auf Leberhöhe. 

Morgen werde ich mich mit Lothar Hoffmann treffen. Ich fand seinen Namen unter einem Leserbrief an die NZZ. Er korrigierte und ergänzte darin einen Artikel über Sri Lanka. Er schrieb, dass er seit 33 Jahren hier lebe und arbeite. Der Mann müsste mir weiterhelfen können.

Die Aircondition summt. (Sie hat zum Glück nicht die Kraft, das Zimmer so zu unterkühlen, wie es sonst Mode ist.)

Das Meer klingt wie ein fernes Sommergewitter. Ich werde Ihnen bald schreiben, wie ich Sri Lanka weitererlebt habe.

Mit herzlichen Grüssen 

Ihr

2. Brief

Galle Face Hotel, Colombo, den 31.12.79

Lieber Rolf Winter,

Auf dem Galle Face Green, inzwischen weiss ich, wie die Wiese heisst, von der ich im letzten Brief erzählte, ist allerhand los: Tausende sind darauf versammelt, ein kleines Woodstock bei Nacht. Im Zentrum steht die Bühne, die ich für eine Tribüne hielt, als sie gestern von den jungen Männern aufgebaut wurde. Seit acht Uhr spielen verschiedene Bands. Im Moment Kalinka in asiatischem Sound. Ununterbrochen knallen Kanonenkracher. Es ist fünf vor Mitternacht. Von meinem Fenster aus kann ich die ganze Wiese überblicken. In diesem Augenblick geht da unten die Hölle los. Es muss später sein. Glückliches neues Jahr, Rolf Winter, ich geh jetzt ans Fenster.

Also: Es gab ein offizielles Feuerwerk bei der Bühne. Ab er das ging unter in den vielen Privatfeuerwerken. Der ganze Galle Face Green explodierte.

Neujahr ist ein Feiertag in Sri Lanka, obwohl nur acht Prozent der Einwohner Christen sind. Die Mehrheit sind Buddhisten, knapp ein Fünftel Hindus, sieben Prozent Muslime. Aber das ganze Volk feiert die Festtage aller vier Religionsgemeinschaften. So kommt es, dass Sri Lanka, sehr zum Leidwesen der neuen Regierung und der ausländischen Wirtschaftspartner, den absoluten Feiertage-Weltrekord hält. Letztes Jahr waren es 17. Nächstes Jahr wird es mindestens einer weniger: Der Vollmond fällt auf den Neujahrstag. Und in Sri Lanka ist jeder Vollmondtag ein Feiertag. Das hat den zusätzlichen Nachteil, dass heute ab Mitternacht kein Alkohol mehr verkauft wird. Ich kann mir denken, dass dies der Stimmung am Neujahrsbankett mit Kammermusik im Ballsaal einen Stock tiefer nicht eben zuträglich ist. Zumal das Eis, als ich kurz vor Zwölf reinschaute, noch keineswegs gebrochen schien.

Heute traf ich Thilo Hoffmann, den Ostschweizer, der 1946 hierher kam. Er arbeitet bei Baur & Co, einer Firma, die Kunstdünger, und unter anderem auch Agent eines grossen Reiseunternehmens und der Swissair ist. Herr Hoffmann ist drahtig, lebendig, zuvorkommend, kompetent und gerade so konservativ wie ein Europäer nach 34 Jahren wird, in einem Land, das er noch als Kolonie gekannt und geliebt hat.

Er steht auf dem Standpunkt, dass es seit den Fünfzigerjahren bergab gehe. Den Standpunkt anderer Leute hab ich noch nicht gehört.

Er erzählte mir in kurzer Zeit sehr viel über Land, Leute, Wirtschaft, Politik, Tourismus und Folklore. Dem Meisten muss ich noch ein wenig nachgehen. Aber über das Problem zwischen Singhalesen und Tamilen wage ich schon zu berichten.

Etwa 70% der Bevölkerung sind Singhalesen, etwa 20% Tamilen, die übrigen sind Moors, Burghers und Malaien.

(Die Moors sind die Muslime, die Burghers die portugiesischen und holländischen Mischlinge.)

Die Tamilen sind eine dravidische Bevölkerungsgruppe, die aus Südindien stammt und hinduistisch ist statt buddhistisch wie die Singhalesen, und Tamil spricht statt Singhalesisch.

Und jetzt wird es kompliziert: Es gibt nämlich zwei Arten von Tamilen, Sri Lanka Tamilen und Indische Tamilen. Die ersteren besiedeln seit Jahrhunderten den äussersten Norden und die Ostküste der Insel und errichteten dort einst ihr eigenes Königreich. Sie machen etwas über die Hälfte der Tamilischen Bevölkerung aus, die heute auf etwa drei Millionen geschätzt wird, und sie sind Bürger von Sri Lanka. Unter ihnen befinden sich die militanten Separatisten, die ihren eigenen Staat wollen, weil sie sich unterprivilegiert fühlen oder weil sie es sind, das kann ich vielleicht besser beurteilen nach meiner Reise in den Norden.

1958 kam es zu schweren Rassenunruhen und im Oktober des letzten Jahres zu ziemlich schweren.

Die zweite Gruppe der Tamilen sind Indische. Sie kamen vor immerhin 150 Jahren, als Plantagenarbeiter der Engländer. Sie leben isoliert in kleinen Familiengemeinschaften auf den Plantagen im Landesinnern und haben andere Probleme als die Separatisten. Sie sind nämlich seit der Unabhängigkeit Sri Lankas staatenlos und als Fremdkörper betrachtet. Beim Versuch, das Problem der Indischen Tamilen zu lösen, kam es unter der Regierung Bandaranaike zu einem unglaublichen Menschenhandel:

Frau Bandaranaike traf sich mit Frau Gandhi und wurde mit dieser kuhhandelseinig darüber, dass sie 400 000 Indischen Tamilen die Staatsbürgerschaft geben würde, wenn sie dafür die restlichen 600 000 nach Indien abschieben dürfe. Gesagt getan, man ging auf die Plantagen und stellte die erschrockenen Leute vor die Alternative. Es entschieden sich weniger für Indien als die Regierung aus unerfindlichen Gründen erwartet hatte. Und wie freiwillig die Entscheidung der Wenigeren war, weiss man nicht. Die Leute wurden und werden heute noch einzeln abgeschoben, die Familiengemeinschaften werden auseinandergerissen. Über das Auffanglager in Südindien ist wenig und nichts Gutes zu erfahren. Bis heute ist Sri Lanka auf diese Weise 300 bis 400 000 Indische Tamilen losgeworden.

Es gibt noch eine dritte Gruppe Tamilen: Die verstädterten, die in den singhalesischen Gebieten wohnen. Sie sind meist gebildet und gehören der gehobenen Mittelschicht an und sind an einem Staate Ila (Tamilisch für Sri Lanka) schon gar nicht interessiert.

Thilo Hoffmann gab mir Ratschläge für meine Reiseroute und vermittelte mir ein Auto und einen Fahrer, der Englisch, Singhalesisch und Tamilisch spricht. Heute um zehn holt er mich ab.

Draussen kracht es immer noch. Ich werde schlecht schlafen, den neuen Zeitrythmus habe ich noch nicht im Leib. Ich werde heute an einen Badeort fahren und erst morgen in den Norden. Schliesslich sind heute zwei Feiertage.

Mit herzlichen Grüssen

Ihr

3. Brief

Pearl Beach Hotel, Beruwala, den 1.1.80

Lieber Rolf Winter,

Ranjit Hinduragala ist ein Liebender. Ein hingerissener Bewunderer der Frauen. Wenn er von ihnen spricht, und das tat er, kaum hatte ich mich in seinen Peugeot gesetzt, dann sucht er seine Worte aus wie ein teurer Goldschmied seine Sternsapphire. Er beschrieb mir das singhalesische Schönheitsideal der Frau. Nicht so dünn, wie wir das gerne hätten, aber auf keinen Fall dick (wie wir das meistens haben, hätte er gesagt, wenn er nicht von einer so auserlesenen Höflichkeit wäre). Er modellierte mir eine Frau aus Worten, die aus zarten Biegungen, Rundungen, kaum wahrnehmbaren Erhebungen und kühnen Schwüngen die Proportion schlechthin ergab. Ein Hauch von Bedauern (oder war es Mitleid mit mir?,) beschlug seine Stimme, als er auf den Brauch zu sprechen kam, dass die Braut unberührt in die Ehe geht und von der Schwiegermutter nur akzeptiert wird, wenn sie dieser nachder Hochzeitsnacht auf einem weissen Tuch den Beweis ihrer Jungfräulichkeit erbringt.

Für mich sei es unvorstellbar, unterstellte er, dass ein singhalesisches Pärchen jahrelang sich lieben kann, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu berühren, ausser mit Worten, Blicken und Gedanken.

Ranjit Hinduragala ist dann auch eine Liebesheirat eingegangen. Ganz gegen die Tradition, die einem Singhalesen eigentlich vorschreibt, ein Mädchen aus der gleichen Kaste, den gleichen sozialen Verhältnissen, sogar aus der gleichen Gegend, also Hill Country oder Low Country, heimzuführen.

Er tat nichts von alledem. Noch schlimmer: Er heiratete eine Malaiin und Mohammedanerin. Das bedeutete, dass er von seiner Familie enterbt und aus der Kaste, auch noch der obersten, ausgestossen wurde. Es scheint ihm aber nicht schlecht zu gehen. Er hat sein eigenes Reiseunterunternehmen. Solche Reisen wie mit mir unternimmt er nur selten und nur als Hobby und nur an besondere Orte und nur, weil er nie nein sagen kann.

Die Kasten, übrigens, stammen aus der Zeit der singhalesischen Königreiche. Der König hatte seine Bauern, die Goygama, die oberste Kaste. Dann hatte er Schreiner (Waddy), Gold- und Silberschmiede (Baddal), Fischer (Karawe), vier Kasten, über deren Rangfolge man von Gegend zu Gegend anderer Meinung is. Dann kamen die Handlanger (Paddull) und zuunterst die Wäscher (Radda). Und schliesslich waren da noch die Ausgestossenen, die nicht am Dorfbrunnen trinken und in keiner festen Behausung leben durften.

Bis vor 20 Jahren spielten diese Kasten noch eine entscheidende Rolle. Heute nicht mehr, sagt Ranjit Hinduragala.

Wir fuhren auf der Küstenstrasse gegen Süden und suchten ein Hotelzimmer für eine Nacht. Alles war ausgebucht, überbucht. Sri Lanka hat zu wenig Hotelbetten. In den beiden letzten Regierungsjahren der SLFP wurden kaum Hotels gebaut. Und in den ersten beiden der UNP auch kaum. Jetzt, wo die Bewilligungen wieder erteilt wurden, sind die Kosten so hoch gestiegen, dass sich keiner mehr getraut. Man rechnet inzwischen mit Erstellungskosten von etwa 90 000 Mark pro Zimmer. Das ist selbst für europäische Verhältnisse enorm. Diese Situation nutzen die bestehenden Hotels zum Teil schamlos aus. Die Hotels an der Ostküste haben vom letzten zum nächsten Sommer Preiserhöhungen von 60% angekündigt. Den Hauptmonat August nehmen sie davon aus. Dann wollen sie noch ein wenig höher rein.

Ich habe von Hotels gehört, die in der letzten Saison 50% Gewinn erzielt haben. Und das mit 50% Belegung.

Durch eine Zusammenkettung glücklicher Zufälle habe ich nun doch noch dieses Bungalow bekommen, in einem Hotel, das bestimmt schon bessere Zeiten aber bestimmt nie bessere Geschäfte gesehen hat.

Ich war ein bisschen baden. Am Strand sind Schweden (alle seien sie verrückt und tränken sie zu viel und hätten sie gespaltene Zungen, sagte mir ein Katamaranfahrer. Heute: “Morgen Katamaran, ganz sicher.” Morgen Katamaran, ganz sicher.”), Schweizer und Deutsche. Ich war der Alabasternste von allen, mit ein paar roten Druckstellen, dort wo vorher das Hemd in der Hose gesteckt hatte. Gott, was sind wir doch für hässliche Menschen.

Über mir wirbelt ein Ventilator den dünnen Rauchfaden der Moskitospirale durcheinander. Morgen früh um sechs fahren wir nach Jaffna, der Hauptstadt der Sri Lanka Tamilen. Etwa zehn Stunden von hier. Don Ranjit Hinduragala fährt mit gemischten Gefühlen. Er ist seit drei Jahren nicht mehr dort gewesen.

Eben hat es zu regnen begonnen. Ich schwör’s. 

Herzliche Grüsse

Ihr

4. Brief

Tissawewa Rest House, Anuradhapura, den 2.1.80

Lieber Rolf Winter,

Stellen Sie sich vor, 270 Kilometer durch eine Fussgängerzone zu fahren, die knapp doppelt so breit ist wie Ihr Auto, und auf die sich schrottreife Autobusse verirrt haben, die alle paar Meter einen Halt machen oder bunten breiten Lastwagen ausweichen. Wir fuhren fast den ganzen Weg durch Kokospalmen. Bei vielen waren die Kronen durch Seile miteinander verbunden. Das sind die luftigen Felder der Toddybauern. Toddy ist der Palmwein Sri Lankas. Er wird aus dem Nektar der Knospen der Kokospalmen gewonnen. Die Knospe wird zusammengebunden, damit sie nicht aufblüht, zweimal am Tag neu angeschnitten und mit einem Horn geklopft. In der Zwischenzeit läuft der Nektar in ein Gefäss. Der Toddybauer arbeitet morgens und abends in seinen Feldern. Damit er nicht jede Palme einzeln erklettern muss, hat er die Seile gespannt. Immer zwei übereinander. Eines für die Füsse, eines für die Hände. So spaziert er von Krone zu Krone.

Der Nektar wird zu Sirup eingekocht und vergoren. Das, gibt den Toddy. Und wenn man diesen brennt und das Gebrannte lange genug lagert, hat man Arrack. Beides Leibgetränke der Sri Lanker.

Eben kam eine Beschwerde über mein Geklapper. Ich muss unterbrechen.

Subhas Hotel, Jaffna, den 3.1.80 

Lieber Rolf Winter,

Gestern kam ich nicht einmal dazu, Ihnen zu sagen, warum wir auf unserer Fahrt nach Jaffna in Anuradhapura Station machten:

Erstens wegen der schönen Bilder, die Bruno Barbey dort gemacht hat. Und zweitens, weil dieser Ort bedeutsam ist für die Beziehung zwischen Singhalesen und Tamilen im heutigen Sri Lanka.

Anuradhapura war die Hauptstadt des gleichnamigen Königreiches und des singhalesischen Buddhismus. Dort wächst der Bo-Baum, das erste buddhistische Heiligtum Sri Lankas. Im dritten Jahrhundert vor Christus wurde der singhalesische König Devanampiyatissa von Mahinda, dem Sohn des indischen Königs Asoka zum Buddhismus bekehrt. Als dieser Asoka bat, ihm etwas zu geben, das er anbeten konnte, überbrachte ihm dessen Tochter den Trieb eines Bo-Baumes: (Blätter symbolisieren das Verlangen, es trägt nur wenig Früchte inmitten des dichten Laubes. Das Verlangen, das man überwinden muss, um das Nirwana zu erreichen, den Zustand des Nicht-Wiedergeboren-Werden-Müssens.) Der heilige Baum wuchs und gedieh. Und Anuradhapura mit ihm. Bis es im elften Jahrhundert von der Armee des tamilischen Königs Ellara erobert und geschleift wurde. Dass die Tamilen die heilige Stadt der Singhalesen in Schutt und Asche gelegt haben, ist bis heute nicht aus den Köpfen und Schulbüchern verschwunden. Die beiden Gegenspieler, der singhalesische König Dutugemunu und der tamilische Ellara sind die Helden der betreffenden ethnischen Gruppen geworden. Und die beiden Dagabas, die Bruno fotografierte, wie sie schön und erhaben aus dem Morgendunst wachsen, wie Lotusblüten aus dem Sumpf, sind eine unübersehbare Erinnerung daran. Sie sind die Grösste und die Zweitgrösste Dagaba der Welt.

Das alles, und dass die Tamilen geldgierig seien, macht sie nicht besonders beliebt bei den Singhalesen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass man sie das nie hat spüren lassen.

Auf der Strasse nach Jaffna war fast kein Verkehr. Aber wir kamen doch sehr langsam vorwärts: Kuhherden, Hunde, die mitten auf der Strasse schliefen, und die Löcher, die die eben zu Ende gegangene Regenzeit in die Strasse gefressen hatte. Dazu kam, dass es Ranjit, je näher wir dem Tamil-Gebiet kamen, desto weniger eilig hatte. So schien es mir wenigstens. Ich habe auch den Eindruck, dass es länger als drei Jahre her ist, dass er hier war. Und dass über die Gegend der Ausnahmezustand verhängt war, und dass uns immer mehr Militär begegnete, wirkte auch nicht sehr beruhigend.

Das Land wurde langsam flacher, der Wald lichtete sich, die Bäume wurden niedriger, die Kokospalmen seltener. Dafür sah man immer mehr Palmeira-Palmen. Ein paar Meilen

vor dem Elephant-Pass, dem Damm, der den äussersten Norden mit dem Süden verbindet, nahmen wir zwei Soldaten auf. Sie erzählten uns, dass der Ausnahmezustand vor drei Tagen aufgehoben worden sei. All es sei ruhig. Sie mussten zum Checkpoint, der am Elephant-Pass errichtet worden war. Wenn es nach den Separatisten ginge, wäre dort die Grenze des Staates Ila.

Ich kann äusserlich keinen Unterschied zwischen Tamilen und Singhalesen entdecken. Ausser den, dass die Frauen nach Sitte der Hindus einen Punkt auf der Stirne tragen. Einen schwarzen, wenn sie ledig, einen grossen roten, wenn sie verheiratet sind. Aber man sieht nicht viele Frauen auf der Strasse. Und die Sicht in die Vorgärten ist einem durch Zäune aus Palmblättern verwehrt. Das ist der augenfälligste Unterschied den Dörfern im Süden: Man sieht sie nicht.

Jaffna ist eine laute, heftige, bunte Stadt. Wir bummelten durch den Bazar (weit und breit keine Touristen), und ich ass mein erstes Curry mit der Hand und von einem grünen Bananenblatt. Es war auch mein bestes. Und es ist auch schon zwölf Stunden her und bis jetzt ist noch alles in Ordnung.

Über die Unruhen vor einem Jahr ist nichts zu erfahren. Auch der ältere Herr, der uns die Umgebung von Jaffna

zeigt, erzählt nur eine konfuse Geschichte, nach der die jungen Männer, die sich die Haare nicht schnitten, von der Polizei schikaniert worden sei bis sich deren Freunde zusammengetan hätten und die Polizei angriffen. Und als wir an den Ruinen eines grossen Dorfes vorbeifuhren, murmelte er etwas von Kastenunruhen. Und als wir bei einem Laden in der Nähe eines abgelegenen Tempels anhalten und einen Tee trinken wollten, sträubte er sich. Als wir vorbei waren, sagte er, das sei ein schlechter Platz. Da sei ein Bürgermeister von Jaffna ermordet worden. (Parteizugehörigkeit: TULF, Tamilische Vereinigte Befreiungsfront.) Und als ich fragte warum, sagte er: “Wir reden hier nicht gerne über Politik. Wenn die Politiker zu uns kommen und sagen, dass wir sie wählen sollen, sagen wir immer zu allen ja. Am Schluss entscheiden wir dann selber. So bekommt man keinen Ärger.”

Dafür war er gesprächiger, als ich ihn über die Heiratsbräuche ausfragte. Alle Bräute würden vom Vater des Bräutigams ausgesucht. Die Brautleute hätten zu gehorchen, die Eltern wussten besser als die Jungen, wer zusammenpasse. Wer sich dem widersetze, würde ausgestossen und gehe zugrunde. Von hundert Ehen seien nur zwei Liebesheiraten. Die Mädchen müssen auch unberührt in die Ehe gehen. Aber die singhalesische Methode mit dem weissen Tuch in der Hochzeitsnacht bräuchten sie nicht. Sie hätten eine, bei der man nicht schummeln könne: Die Töchter von der Pubertät an nie mehr alleine aus dem Haus lassen.

Der Mann hatte 36 Jahre in einer Bank in Colombo gearbeitet. Die Familie blieb im Norden, und er besuchte sie jeden Monat. Als er jünger war zweimal. Als er es nicht mehr so nötig hatte, einmal. So leben sehr viele Männer aus der Gegend. Jetzt ist er pensioniert und arbeitet gegen Bett und Essen in diesem Hotel. Er könne nicht den ganzen Tag zuhause sitzen und seine Frau und seine Kinder anglotzen.

Unterwegs trafen wir auf einen Trauerzug. Trommler führten ihn an, dahinter trugen vier Männer die Bahre, die von einem weissen Tuch verdeckt war, dahinter kamen Männer, die in kleinen Schalen Opfergaben hielten, dahinter die Trauergäste, alle in weiss. Frauen waren keine dabei. Sie waren zuhause und reinigten das Haus und bereiteten eine Mahlzeit vor. Die letzte für die nächsten fünf Tage. In der Trauerzeit bringen die Nachbarn das Essen. Wenn es nicht gerade Freitag oder Samstag ist, und wenn die Verwandten zur Verfügung sind, kremieren die Tamilen ihre Toten noch am Sterbetag. Andernfalls balsamieren sie sie ein bis zur Kremierung.

Die Trommler schlugen einen schnellen Takt. Die Männer gingen rasch, wie wenn sie die Sache schnell hinter sich bringen wollten. Wir fuhren in gebührendem Abstand hinterher. Aber der ältere Herr drängte Ranjit zu überholen. Er solle ruhig hupen. Als er endlich

widerwillig und ganz kurz hupte, drehte sich der letzte um, rannte zur Spitze des Zuges, dirigierte die Trommler, die Leichenträger, die Trauernden von der Strasse. Als wir passierten, lächelten sie uns verlegen an. Wie wenn sie sich dafür entschuldigen wollten, dass sie zu vertieft waren, um zu hören, dass wir wegen ihnen unsere Fahrt verlangsamen mussten.

Mit herzlichen Grüssen

Ihr

5. Brief

Irgendein Resthaus im Dunkeln, zwischen Jaffna und Mihintale, den 4.1.80

Lieber Rolf Winter,

Gestern fuhren wir also zur Insel Delft, wie ich es mir in den Kopf gesetzt hatte, als ich hörte, dass es dort wilde Ponies gibt, weil jemand (wer, finde ich noch heraus) irgendwann (wann, auch) aus irgendeinem Grund (aus welchem, auch) dort eine Pferderanch gemacht und verlassen hat.

Wir fuhren von Jaffna gegen Norden. Nach ein paar Meilen hörte das Festland auf und die Strasse führte über lange Dämme von Insel zu Insel. Im rechten Winkel zu den Dämmen waren ingeniöse Fischzäune gespannt, deren einziger Ausweg in einer unentrinnbaren Reuse endete. Über uns kreisten Raubvögel, die sie hier Hawk Eagle, nennen. Ich werde mich erkundigen, wie man sie auf Deutsch nennt.

Auf der letzten Insel endete die Strasse an einem Bootssteg. Wir liessen den Wagen stehen und stiegen in den rostigen Kahn, der einmal täglich nach Delft fährt. Die Schiffskarte kostete 50 Cents, etwa vier Pfennig, für eine immerhin stündige Überfahrt. Das ist sogar in den Augen der Einheimischen wenig, die sich sonst, auch wenn sie zur Mittelklasse gehören, nichts leisten können, was für einen Touristen, der zu Hause nicht einmal zur Mittelklasse gehört, ein Klacks ist. Ranjit, immerhin Managing Partner eines Reisebüros, Unternehmer und Mitglied des Lions Club, nimmt sich ein Monatsgehalt von etwa achtzig Mark. Darauf komme ich später, wenn ich aufgehört habe, mich um das Thema Tourismus zu drücken.

Delft ist ein topfebenes Korallenriff, etwa 300 Quadratkilometer gross. Es ist am Ostende und am Westende besiedelt. Im Innern wohnt niemand, denn nur an der Küste gibt es Süsswasser. Die Insel hat etwa 700 Bewohner, einen Bus, einen Polizeijeep, einen Traktor und eines dieser Zweirädrigen Landwirtschaftsfahrzeuge mit Anhänger. Damit machten wir eine holprige Inselrundfahrt.

Im Innern sieht die Insel aus wie texanische Steppe. Und die wilden Ponies gleichen wilden Mustangs. Und Kuhherden gibt es auch. Und zwei Hirten, die wir sahen, waren beritten. Und der Teufel soll mich holen, wenn nicht einer ein Lasso schwang. Und bei alledem hätte man die Südspitze Indiens sehen können, wenn es klarer gewesen wäre.

Am Westufer lag ein Fischerdorf. Niedrige Hütten aus Palmblättern, Seite an Seite, wie Zelte. Zehn Meter von der gutmütigen Brandung entfernt. Wie im Prospekt für Abenteuerferien, nur dass die Leute arbeiteten. Sie holten die Netze ein, sie sassen im Schatten eines Palmwedel-Paravans und schuppten hunderte von kleinen Salmen, wenn ich richtig gehört habe, die sie einpökelten und zum Trocknen an die Mittagssonne legten, die so heiss und weiss war, dass alle Farben verschwanden.

Zwei junge Männer aus dem Dorf waren mit uns gekommen. Sie arbeiteten in Colombo und waren nur für ein paar Tage hier. Sie konnten mir etwas mehr über das erzählen, was alle Welt das Problem von vor einem Jahr nennt. Es hat sich offenbar um einen Aufstand der tamilischen Jugend für die Unabhängigkeit gehandelt. Oder um die Vorbereitungen dafür. Ich komm schon noch darauf. Auf die andere Frage, ob sie das Mädchen heiraten würden, das ihnen der Vater vorschlägt, nickten sie beide. Sie könnten es sich nicht leisten, auf das Erbe und die Unterstützung der Familie und auf die Mitgift der Braut zu verzichten.

Am Nachmittag nahmen wir das Schiff zurück und machten uns auf den Weg an die Ostküste. Ranjit war ein wenig aufgewühlt. Man hatte ihn sehr abweisend behandelt. Oder vielleicht einfach normal, was für einen, der sich die singhalesische Herzlichkeit gewöhnt ist, sehr abweisend wirkt.

Wir hatten uns in der Zeit verschätzt und wurden von der Dunkelheit überrascht. Das ist nicht angenehm auf dieser Strasse. Es soll in letzter Zeit bis auf die Zähne bewaffnete Wegelagerer geben. Ich kann es zwar nicht recht glauben. Aber es hat mich immerhin erstaunt, was der Polizeichef der Stadt, in der es keine Zimmer mehr gab, alles unternommen hat, um uns unterzubringen.

Heute ist alles sehr stilecht: Die Lampe in meinem Zimmer ist ein Ventilator. Unterarme und Nase sind sonnenverbrannt. Auf dem rechten Oberarm, der gestern Nacht zu nahe am Moskitonetz war, brennen acht Stiche, Die Dusche, auf die ich mich gefreut hatte, rieselt wie eine Pipette. Die Schreibmaschine macht Buchstabenabstände, wie es ihr passt.

Nur Marlene Dietrich ist noch nicht fragen gekommen, ob noch Gin in meiner Flasche sei.

Herzliche Grüsse

Ihr

6. Brief

Nilaveli Beach Hotel, Nilaveli, den 6.1.80

Lieber Rolf Winter,

Seit gestern hält mich sanft und süss und nachgiebig der Luxus umfangen. Ich sitze in meinem Zimmer, dessen Luft ein starker aber leiser Ventilator in der genau richtigen Bewegung hält. Ich sitze mit dem Gesicht zum Fenster und rauche importierte englische Zigaretten. Wenn ich auf den Knopf der Klingel drücken würde, wäre augenblicklich einer dieser lautlosen, verständnisvollen jungen Männer im rot­schwarzen Batik-Sarong da, und ich könnte bei ihm einen Drink bestellen oder Devilled Prawns oder eine Kokosnuss. Zwischen meinem Pult und dem Sand liegt nur meine kleine ebenerdige Veranda, auf der zwei bequeme Korbsessel stehen. Vor mir ein schattiges Wäldchen aus seltsamen Bäumen. Darin stehen verstreut weisse Holztische und Stühle. Wo es geht, hängen Hängematten. Manchmal schnattern unvermittelt und aufgeregt schillernde Vögel im wächsernen Blätterwerk. Schmale, seit einigen Minuten erleuchtete Plattenwege führen in anmutigen, zufälligen Windungen am Swimmingpool vorbei, in dem wahrscheinlich normalerweise lauter schöne Menschen schwimmen, zum nahen Strand. Ich kann die Phosphorbrandung sehen und hören. Swisch, swisch übertönt die sanfte Musik aus diskreten Lautsprechern. Morgen fahren wir weiter, Ehrenwort.

Es ist Regenzeit an der Ostküste. Darum sind wir auch praktisch die einzigen Gäste. Nur spielt auch hier das Wetter verrückt: Die Sonne scheint und eine liebliche Brise weht. Wenn das die Abertausende an der Südwestküste wüssten. In drei Tagen wären sie hier, hätten den Koch zu Gulasch und Pommes Frites gezwungen, würden die freundlichen Strandhändler wie Moskitos verscheuchen und über die Preise schimpfen.

Hier Das ist jetzt nämlich so der Stil an der Südwestküste, seit diese vermarktet wird. (An der Ostküste versucht man das durch einen Hotel-Baustopp zu verhindern.) Vor sieben Jahren, als ich hier war, und als Sie hier waren erst recht, waren die Leute dort anders. Freundlich aus purem Vergnügen, arglos und unberechnend. Sie interessierten sich für einen und waren glücklich, wenn man sich für sie interessierte. Aber seit jeden Winter Heerscharen von hauptsächlich solchen Leuten die Küste belagern, die sich in diesem Land einzig und allein für die Tatsache interessieren, dass sie sich hier den Arsch bräunen können, während die daheim sich denselben abfrieren, haben die Menschen hier dazugelernt. Sie vergelten Interesselosigkeit mit Aufdringlichkeit, Unfreundlichkeit mit Scheinheiligkeit, Kleinlichkeit mit Wucher. Sie stammen aus einer Kultur, in der das Patriarchat herrschte. Sie waren sich gewohnt, den wenigen Reichen mit Bewunderung und Verehrung zu begegnen, weil sie wussten, dass es für diese eisernes Gesetz war, ihnen zu helfen, wenn es ihnen schlecht ging und sie bei Missernten durchzufüttern. Jetzt haben sie gemerkt, dass von den neuen Superreichen, die als Spenglermeister in der Stunde soviel verdienen, wie sie im Monat nicht, nichts von annähernd dieser Art zu erwarten ist, dass sie in dieser unerschwinglichen Welt, an den schönsten Orten ihrer Insel nicht erwünscht sind.

Ich weiss schon, ich sitze hier im schieren Luxus und schreibe Elitäres nieder. Ich hasse es auch, wenn einer sagt, der verdammte Massentourismus hat mir Acapulco versaut. Ich meine ja nur: Die Lieblosigkeit und Gedankenlosigkeit eines Teiles der gewiss wohlmeinende, im Reichsein ja ungeübten Gäste in diesem wunderschönen Land hat schon jetzt viel Schaden angerichtet.

Morgen fahren wir nach Kandy, wo Bruno das Berahera fotografiert hat. Darüber möchte ich mehr erfahren. Und über das grosse Bewässerungsprojekt, an dem dort oben gearbeitet wird.

Herzliche Grüsse von Ihrem Sri Lanka Korrespondenten

7. Brief

Bei Mr. und Mrs. Block, Kandy, den 7.1.80

Lieber Rolf Winter,

Wir erreichten Kandy schon gegen Mittag. Wir fuhren bei der Himmelsfestung Sigiriya vorbei, dem Felsen, der auf Brunos Bildern ausschaut wie ein riesiges, auf ewig im Dschungel gestrandetes Schlachtschiff.

Sigiriya war im fünften Jahrhundert 18 Jahre lang die atemberaubendste Stadt der Insel. Man betrat sie durch den Rachen eines gigantischen Löwen, von dem heute noch die steinernen Pranken zu sehen sind, und gelangte über eine Galerie, die sich am Fels emporwand zum Gipfel, mit seinen Palästen, Tempeln, Gärten und Teichen. Die Stadt war von König Kassapa erbaut worden, der seinen Vater, König Dhatusena umgebracht hatte und es dann vorzog, Anuradhapura zu verlassen und sein Reich vom Felsen des Löwen aus zu regieren. Sein Halbbruder, Moggallana, war nämlich nach Indien geflüchtet, um dort eine Armee aufzustellen. Zur grossen Schlacht zwischen den beiden kam es nicht. Es heisst, dass Kassapas Armee geflohen sei, weil sie es als Zeichen zum Rückzug auffasste, als dieser mit seinem Elefanten einem Sumpf auswich. Um der Gefangennahme zu entgehen, soll Kassapa sich die Kehle durchschnitten haben. Das war das Ende von Sigiriya. Nur die berühmten Fresken der üppigen jungen Damen, die so schön sind, dass es egal ist, dass man ihre Bedeutung nicht kennt, sind übrig geblieben.

Die Strasse nach Kandy stieg sachte an durch eine fruchtbare verschwenderische Landschaft. Eine Fahrt durch einen riesigen botanischen Garten. Paddy-Felder, Kakao-Plantagen, Kaffeestauden, Kokospalmen, die von Pfefferranken umschlungen sind. Den ganzen Weg säumen Gewürzgärten, dreisprachig beschildert machen sie sich die Touristen abspenstig.

Sogar Donald Duck, goss und bunt und lustig, muss als Blickfang herhalten.

Die letzte Hauptstadt der Könige von Kandy ist nie erobert worden. König Sri Vikrama Rajah Singha, der aus Angst vor seinen kollaborationsbereiten Untertanen als Gefangener in seinem eigenen Palast lebte, übergab die Stadt 1815 den Briten, unter der Bedingung, dass sie den Buddhismus und die Institutionen von Kandy schützen und erhalten. Dieser Konvention haben es die Tausende von Touristen zu verdanken, dass ihnen jedes Jahr ein derart pompöses Perahera beschieden ist.

Die Perahera besteht aus einer Reihe von Prozessionen, Riten, Feiern und Festen. Sie findet im Juli statt und dauert zehn Tage. Ihr Höhepunkt ist die Prozession, in der auf einem geschmückten Elefanten eine Nachbildung der Schatulle mit der heiligen Zahnreliquie mitgeführt wird. Von daher stammen Brunos Fotos von geschmückten Elefanten. Ich kann nicht gut darüber schreiben, weil ich es nicht erlebt habe. Aber ich weiss genug für Bildunterschriften in jeder gewünschten Länge.

Die richtige Reliquie, ein Zahn von Lord Buddha, befindet sich im Dalada Maligawa, im Tempel des heiligen Zahns, einem kleinen, kunstvoll geschmückten Gebäude, das von einem imposanteren, grösseren und neueren (17. Jahrhundert) umgeben ist. Die Schatulle, in der die Reliquie aufbewahrt wird, die im vierten Jahrhundert im Haar einer Prinzessin von Indien nach Kandy geschmuggelt wurde, ist hinter dicken Türen verschlossen, die dreimal am Tag für die Gläubigen geöffnet werden. Das heisst, heutzutage vor allem für die Ungläubigen. Wenn nämlich die drei Priester mit ihren drei Schlüsseln feierlich die drei Schlösser aufschliessen, dann warten schon ein paar hundert Touristen, die eigens dafür hergefahren worden sind, einen Blick auf die Schatulle werfen zu können. In einem der wichtigsten Heiligtümer des Buddhismus herrscht die Atmosphäre einer Transithalle beim Aufruf eines Jumbo-Charters nach Las Palmas. Dagegen kommen tausend Räucherstäbchen, Jasmin- und Tempelblüten nicht an. Ranjit, der als frommer Buddhist ein Blumenopfer darbrachte, war traurig und zweifelte einen Augenblick an seinem Beruf.

Die meiste Zeit in Kandy verbrachte ich damit, Informationen über das Mahavelli Projekt zu finden. Das Projekt will mit dem Wasser des Mahavelliflusses 900 000 acres Land, 90%  davon Paddyfelder, bewässern. 246 000 acres sind schon bewässert, seit Jahrhunderten zum Teil, der Rest soll nach dem Willen der Regierung schon 1983 soweit sein. Das ist erstaunlich, zumal dies 17 Jahre früher als ursprünglich geplant ist. Darum wollte ich über den Stand der Arbeiten etwas erfahren. Aber es fand sich kein Beamter, der sich kompetent fühlte, mir Auskunft zu geben.

Dafür waren wir zum Tee eingeladen bei der Frau eines Tamilen. Und sie erzählte ein wenig, wie sie die Unruhen im August 1977 erlebt hatte. Die ganze Familie traute sich nicht mehr aus dem Haus, in den ersten Tagen. Später traute sie sich nicht einmal mehr ins eigene Haus, denn Tamilenhäuser wurden geplündert und manchmal sogar in Brand gesteckt. Ihres wurde auch geplündert, während sie sich bei singalesischen Freunden versteckten. Ihr Mann, der Staatsbeamter und einziger Tamile unter seinen 73 Kollegen ist, besass viele singhalesische Freunde. Die Frau traut sich auch heute kaum aus dem Haus und hat keine ruhige Minute, bis die Tochter von der Schule und der Mann vom Büro zurück sind. Das kleine Haus, das sie bewohnen, wollen sie nicht kaufen, weil ihnen die Lage zu unsicher ist. Und ein Haus in Jaffna können sie nicht kaufen, weil seit 1977 die Nachfrage so gross ist, dass sich die Preise vervierfacht haben.

Die Ausschreitungen fingen einen Monat nach dem Erdrutsch-Wahlsieg der UNP an. Die genauen Ursachen sind noch Gegenstand einer Untersuchung, die von einer Einmann-Kommission vorgenommen wird, erfahrungsgemäss einige Jahre dauert und wahrscheinlich nie veröffentlicht wird. Aber es gibt inoffizielle Berichte, nach denen unterlegene Parteien, um der neuen Regierung zu schaden, Gerüchte ausgestreut hätten, die besagten, dass singhalesischen Frauen im Norden das Sri, wie es die Autonummern tragen, auf Brüste und Hintern gebrannt wurden, und dass in den Fischkisten, die vom Norden in den Süden transportiert werden, Arme und Beine ermordeter Singhalesen gefunden worden seien. Diese Gerüchte sollen die Hexenjagd ausgelöst haben.

Schon einmal, 1958, war es zu Rassenunruhen gekommen. Zu einem grausamen Gemetzel, unvergleichlich viel schlimmer als 1977. Tausende wurden ermordet, lebendig verbrannt, verstümmelt, erhängt, vergewaltigt. Der äussere Anlass dazu war damals die Sprache. 1955 wurde Englisch als Landessprache durch Singhalesisch und Tamilisch ersetzt. Die Opposition, damals unter der Führung von Mrs. Bandaranaikes (inzwischen unter Umständen, die zu Spekulationen Anlass geben, ermordeten) Mann, machte “Sinhalese only” zum Wahlversprechen. Damit, und mit anderen Versprechen, die die Tamilenfrage, die Religion und die Be­sitzverhältnisse im Land betrafen, gewann die Peoples United Front die Wahlen sehr deutlich. Singhalesisch wurde einzige Landessprache. Und als einige Heisssporne über alle tamilischen Beschriftungen mit Teer das Sri zu pinseln begannen, und das in drei Tagen auf der ganzen Insel passierte, war die Provokation da. Die Regierung griff nur zögernd ein. Und als es keine Schilder und Schriften mehr gab, an denen man sieh vergreifen konnte, vergriff man sich an den Menschen. 

Jetzt sitze ich auf der Veranda des Hauses der Blocks. Es ist ein schönes, stilles, Aristokratisches Haus. Der junge Mr. Block hatte einen Grossvater, der von den Engländern hoch dekoriert worden war. Das sieht man dem Namen an. Und dem Mobiliar. Und dem englischen Garten mit den süss duftenden Tempelblüten und dem Rasen, auf dem die Nachbarkinder manchmal Kricket spielen.

Morgen fahren wir nach Nuwara Eliya. Und dann zurück nach Colombo.

Herzlichst 

Ihr

8. Brief

Galle Face Hotel, Colombo, den 8.1.80

Lieber Rolf Winter,

Wir fuhren langsam und vorsichtig die Passstrasse nach Nuwara Eliya hinauf. Soweit man schauen konnte: Teeplantagen, die meisten gepflegt wie ein Golfplatz, einige verkrautet wie meine Dachterrasse. Hie und da eine Gruppe Pflückerinnen mit dem grossen Korb auf dem Rücken und dem Tuch, das sie vor Sonne und Kälte schützen soll. Die meisten von ihnen indische Tamilen.

Sri Lanka ist der drittgrösste Teeproduzent der Welt, über die Hälfte der Ausfuhrerlöse des Landes kommen vom Tee. Und der Tee, der hier oben wächst, hat den Ruf, der beste der Welt zu sein.

Bis 1971 waren die meisten Plantagen (nicht nur Tee, auch Kokosnuss und Kautschuk) in Privatbesitz. Dann wurden die sieben britischen Plantagen verstaatlicht, und 1972 gingen die restlichen im Rahmen der Landreform vom Privat- in Staatsbesitz über. Die Landreform war eines der Wahlversprechen, mit dem die Regierung von Frau Bandanaraike damals die Wahl gewonnen hatte. Nach diesem Gesetz darf ein Privatmann nur noch 50 acres (meine Umrechnungstabelle hat der, der meine Kamera und meine Einführungsschreiben geklaut hat) Land besitzen. Der Rest des Landes sollte unter die Bevölkerung verteilt werden. Dass dies kaum geschah, ist für viele Insider die Erklärung für die katastrophale Wahlniederlage der SRFP. Inzwischen hat man sich hier auf die Meinung geeinigt, die Landreform sei nur ein Mittel der Regierung gewesen, um der potentiellen Opposition, die für eine Linkspartei gezwungenermassen aus den Reihen der Besitzenden kommen muss, das Kreuz zu brechen.

Diese Opposition nimmt, seit sie wieder an der Macht ist, mit Besorgnis statt Schadenfreude, zur Kenntnis, dass die Tee-Produktion zumindest stagniert und die Qualität sinkt. Dies hat unter dem Strich noch keine schlimmen Folgen gehabt, weil die Teepreise steigen und die Ansprüche sinken. Aber Anlass zur Besorgnis ist da. Man denkt zwar nicht daran, die alten Verhältnisse wiederherzustellen, darüber, dass eine Landreform nötig war sind sich die meisten einig. Aber man denkt daran, die neuen Verhältnisse zu verbessern.

Die Teearbeiter haben von der ganzen Reform wohl am wenigsten gemerkt. Sie leben immer noch in menschenunwürdigen Verschlägen, sogar in den Touristenplantagen. Sie müssen im Tag 30 Pfund Teeblätter abliefern und erhalten dafür 8.60 Rupien. Und 40 Cents für jedes Extra-Pfund. Behausung, medizinische Versorgung und Schule sind umsonst und entsprechend. Die Teearbeiter leben nicht gut, aber immer noch besser, als wenn sie nach Indien abgeschoben werden. 8.60 Rupien im Tag sind zwar nur eine Mark. Aber ein Sekretärinnengehalt in Colombo beginnt auch schon bei 35 Mark monatlich. 

Auf der Passhöhe der Strasse konnte man auf Nuwara Eliya hinabsehen, Es war bewölkt, und trotzdem lag über der Stadt ein helles, seltsames Licht. Für Ranjit war das nichts Besonderes. Das sei immer so im Tal des Lichts.

Nuwara Eliya ist überhaupt kaum zu glauben. Man hat das Gefühl, eine englische Kleinstadt sei nach St. Moritz-Bad verpflanzt worden. Alles ist da: Die Berge, der föhrenartige Wald, der kleine See, die 1850 Meter über Meer, der kühle Wind. Die Häuser sind englische Cottages mit vielen Kaminen, oder schneeweisse Landgüter. Der Golfplatz fehlt nicht, der Pferderennbahn können die paar Gemüsebeete nichts anhaben und im dunklen Billiardsaal des Palacehotels riecht es nach längst abgestandenem Balkan Sobranie und rohen Witzen längst verreister Pflanzer, dass es einem eisig den Rücken herunterläuft.

Auf der Strasse zwischen Kandy und Colombo zeigte mir Ranjit einen verwitterten Gedenkstein, der zwischen einer Garage und einem Laden versteckt lag. Mit den Fingerspitzen konnte man gerade noch die Inschrift entziffern: “An dieser Stelle, im März l864 verlor P. C. Sabhan sein Leben bei einer Heldentat, die Mr. E. R. Sanders, Assistant Governor Agent Kegala, die Verhaftung von Sardiel und einem Mitglied seiner Räuberbande ermöglichte. Fünf Tage zuvor wurden John van Haght und Christian Appu getötet und vier weitere verletzt, als sie Sardiel zu verhaften versuchten.”

Sardial war für die einen Sri Lankas Robin Hood und für die andern ein gewöhnlicher Verbrecher. Er lebte auf einem Felsen, der heute Uthuman Kande, Berg des grossen Mannes genannt wird, und von dem aus man die Strasse nach beiden Seiten meilenweit überblicken konnte, weil ihr Erbauer, Captain Dawson den Fels als Landmarke genommen haben soll. Von diesem Räubernest aus raubte Sardiel die Postkutschen und Teetransporte aus. Und sie hätten ihn nie erwischt, wenn ihn nicht einer wegen einer schönen Frau verraten hätte.

Ich habe noch viel gesehen, auf diesen letzten Meilen nach Colombo. Paddyfelder, wie grüne träge Flüsse zwischen Palmenufern. Elefanten, die faul im Wasser lagen und sich, nach einem Tag harter Arbeit, von ihrem Mahoud mit einer Kokosschale die Dickhaut schaben liessen. Teakplantagen, Eukalyptusplantagen und eine Gummifabrik, Ranjit bestand darauf.

Jetzt sitze ich im viel zu teuren Galle Face Hotel. Die nächsten Tage werde ich recherchieren. In den letzten Tagen habe ich erfahren, wieviel ich nicht weiss über diese geheimnisvolle Insel.

Herzliche Grüsse

Ihr

9. Brief

Galle Face Hotel, Colombo, den 12.1.80

Lieber Rolf Winter,

Seit ich hier bin, ist im Fort, im Zentrum, jeden Tag um die Mittagszeit der Teufel los. Die Trade Unions demonstrieren gegen die Kürzung ihrer freien Tage (149 bis 160 im Jahr, bisher). Das heisst, sie demonstrieren gegen das Verbot dieser Demonstrationen. Sie stellen sich in der Mittagszeit vor die Bürohäuser, mit einem Taschentuch vor dem Mund, als Symbol für die Einschränkung der Redefreiheit. Ob diese eingeschränkt ist, weiss ich nicht. Dass die Demonstrationsfreiheit es ist, weiss ich: Am 3. Oktober 1979 verabschiedete das Parlament, das heisst, die 5/6 Mehrheit der Regierungspartei, ein Gesetz, das Streiks in allen Wirtschaftssektoren, die die Regierung von Fall zu Fall für wesentlich erklären kann, verbietet. Aufruf zum Streik oder Beteiligung daran wird dreifach bestraft: Kündigung, Haft oder Busse, Beschlagnahmung der gesamten Habe. Gegen die vierte Strafe, endgültige Aberkennung des beruflichen Status, erhob der Oberste Gerichtshof Einspruch.

Was also hier im Augenblick stattfindet sind keine Streiks, sondern Demonstrationen. Ein grosser Teil der Trade Unions sind von der Opposition geführt. In einem Land, wo es im Parlament praktisch keine Opposition gibt, geht diese eben in die ausserparlamentarische. Ein anderer Teil aber ist regierungstreu. Zwischen diesen zwei Fraktionen toben jetzt täglich Strassenkämpfe.

Es beginnt mit einem Auflauf ruhiger, trotziger Leute. Plötzlich irgendwo ein Getümmel, ein Menschenknäuel, dann Steine, dann rennende Menschen, Hunderte, dann Ruhe, und dann das gleiche an einer anderen Ecke, und dann flackert es auf im ganzen Fort. Winzige Polizeieinheiten greifen ein, mit unerklärlich grossem Erfolg.

Am ersten Tag waren einige der Anführer unter den Verletzten. Heute wurden zum ersten Mal Bomben geworfen. Drei offenbar hohe Gewerkschaftsfunktionäre wurden verhaftet.

Ich kann mir denken, dass es der Regierung ein wenig mulmig ist. Der Aufstand Jugendlicher und Bauern von 1971 ist allen in schlechter Erinnerung geblieben. Damals griffen Tausende unter der Führung von Rohan Wijeweera zu den Waffen. Die meisten von ihnen arbeitslos und unter 24. Die Regierung schlug den Aufstand gnadenlos nieder. Man spricht von 12 bis 15 000 Toten, viele davon Unbeteiligte, die von völlig verbiesterten Polizisten und Soldaten niedergemacht wurden, nur weil sie so jung waren wie die Aufständischen. Zur Aburteilung der Aufständischen erliess die Regierung Bandaranaike damals ein Sondergesetz, das die jetzige Regierung wieder aufhob. Das war eine sehr populäre Massnahme. Aber eben: Die Inflationsrate beträgt 24%. Und die Zahl der Arbeitslosen eine Million.

Warum es so schwierig war, über das Mahavelli-Projektetwas zu erfahren, ist mir jetzt auch klar: Es ist sehr umstritten:

Es gibt zum Beispiel einen Mann, der noch vor einem Jahr

 belegen konnte, dass für das ganze Projekt gar kein richtiger Plan besteht. Dieser Mann ist jetzt allerdings Berater der Komission und etwas zurückhaltender. Es gibt viele, ernstzunehmende Einwände: Das Projekt wird die sozialen Strukturen zerstören. Es wird klimatische Veränderungen hervorrufen. Es ist eine Nummer zu gross, denn wenn es vollendet ist, gibt es in ganz Sri Lanka kein Land mehr, das man nutzbar machen könnte. Die Weltbank hat ausgerechnet, dass man mit richtigerer und sparsamerer Anwendung der bestehenden Bewässerungsanlagen 200 000 Tonnen Reis mehr ernten könnte, gleichviel, wie das Land importieren muss. Und schliesslich wird die Insel, die mit 20% Bewaldung ohnehin etwa zehn Prozent unter der kritischen Grenze liegt, nur noch zu oekologisch katastrophalen 14% bewaldet sein. Für das Wildlife muss das tödlich sein. 2000 wilden Elefanten wird man den Lebensraum nehmen, sie zwingen, Felder und Plantagen zu beschädigen und sich ihrer entledigen. Auch die Vögel, Reptilien und Säugetiere werden ihren Lebensraum verlieren. Vor zehn Jahren waren noch fast 40% der Trockenzone bewaldet. Heute nur noch die Hälfte. In der Regenzone nur noch 9%. Und das Sinharaja Forest ist der letzte nennenswerte Ueberrest eines tropischen Regenwaldes.

Alle sind sich darüber einig, dass das Mahavelli Projekt aus sozialen und ökonomischen Gründen bitter nötig ist. Aber viele sind nicht einverstanden mit der Form des Projektes.

Ich glaube, ich könnte allein darüber einen langen Artikel schreiben. Und wenn Sie wollen, tu ich das auch. Oder über Elefanten. Oder über Märchen der Dorfbewohner.

Oder über die Tänzer. Hier nur soviel: Der Volkstanz hat tatsächlich durch den Tourismus Auftrieb bekommen. Und die Leute, die sich an Fleischerhaken aufhängen, ziehen von Hotel zu Hotel. Aber die Bilder von Bruno müssen von Kataragama stammen. Dort treffen sich einmal im Jahr Hindus, die Skanda, der Gottheit von Kataragama ein Gelübde abgelegt, haben, sich zu quälen. Das geht von Wälzen im Staub, übers Feuer gehen, die Backen durchbohren bis zu Sich-Aufhängen an Fleischerhaken. Die Pilger lassen sich in Trance versetzen, und es fliesst kein Tropfen Blut.

Ich habe auch herausgefunden, dass es über den Kasten noch einen Adel gibt, zum Beispiel Radalas und Bandas. Das ist eine winzige Minderheit. Die grösste Kaste ist auch zugleich die höchste, die Goyigama. Das fand ich erstaunlich. Und auch, dass alle, die keiner Kaste angehören, also auch wir Europäer, die gleichen Vorrechte der höchsten Kaste geniessen. Das fand ich aufschlussreich, das erklärte mir die herzliche Gastfreundschaft der Menschen hier. Und durch diese Neuigkeiten über das Kastenwesen misstrauisch gemacht, überprüfte ich noch einmal meine Angaben darüber. Es ist zum Verzweifeln: Alles, was ich Ihnen geschrieben hab, können Sie vergessen. Eine einigermassen verbindliche Liste der Kasten lege ich bei.

Das ist mein Live-Bericht aus Sri Lanka. Morgen fliege ich nach Singapore. Und von dort aus irgendwohin, wo ich völlig verständnislos ein wenig Ferien machen kann.

Glauben Sie, dass diese Briefe, wenn man sie strafft, neu intoniert, die stilistischen Ermüdungserscheinungen ausmerzt, da und dort eine Langatmigkeit durch eine Atemlosigkeit ersetzt, glauben Sie, dass dann diese Briefe einen passablen GEO-Bericht über Sri Lanka ergeben könnten?

Ich melde mich dann. 

Herzliche Grüsse

Ihr

Castes and Subcastes